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Monster und Mythen: Thomas Hettches „Pfaueninsel“

Ein modernes Märchen an einem historischen Schauplatz. Thomas Hettches „Pfaueninsel“ spielt im 19. Jahrhundert auf dem kleinen Inselchen zwischen Potsdam und Berlin. Die Pfaueninsel ist ein von Menschenhand geschaffenes „Paradies“, an dem die preußischen Herrscher bis zu Friedrich Wilhelm III. und ihre großen Künstler wie Peter Joseph Lenné und Karl Friedrich Schinkel bauten. Alle historisch relevanten Personen sind ebenso Charaktere des Romans. Über die Zeit füllt sich die Insel mit exotischen Pflanzen, wilden Tieren und ausgefeilten Bauten im detailliert angelegten Landschaftsgarten. Mittendrin Marie, das kleinwüchsige Schlossfräulein der Pfaueninsel, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird. Marie sieht alles kommen und gehen: Palmen, die eingeschifft und ins Gewächshaus verfrachtet werden, Kängurus, Affen und einen Löwen – alle dem Tod geweiht, denn sie gehören nicht an diesen Ort.

Diese Thematik ist eine der Hauptachsen der Erzählung: Heimat und Fremde, das Gleiche und das Andere. Es sind nicht nur die exotischen Pflanzen und Tiere, die eingehen am Ortswechsel und an der Forderung nach Anpassung. Auch Marie sucht ihren Platz in der Welt. Als „Zwergin“ wird ihr dieser außerhalb der Gemeinschaft zugewiesen. Immer wieder wird sie mit der Bezeichnung „Monster“ konfrontiert und nimmt sich selbst als „Ding“ war. Während sie zusammen mit den Adelskindern erwachsen wird, sich verliebt, geliebt wird, ein Kind bekommt, verliert und wiederfindet, nur um sich erneut verabschieden zu müssen, wird eins deutlich: Die Gesellschaft hält für jeden seinen Stempel bereit und die Farbe ist schlecht abwaschbar.

„Exotisch war alles, was die Menschen hier sehen wollten, exotisch war auch sie selbst unter ihren Blicken, und damit bedeutungslos.“

Marie ist eine der „Anderen“, die stets angestarrt und zur Schau gestellt werden. Mit ihr sind zwei Eingewanderte, ein „Riese“, ihr eigener Bruder und die vielen sterbenden Tiere aus aller Welt Opfer des Schubladendenkens und der erzwungenen Zuordnung. Am Beispiel von Marie wird spürbar, welch erschütternde Auswirkungen unsere festgefahrenen Erwartungen an alles und jeden haben. Ein Zwerg ist ein Zwerg ist ein Zwerg? Auf wen schauen wir herab und zu wem auf? Was ist Schönheit? Welche Bedeutung haben wir in der Welt anderer? Wieviel Zeit verbringen wir damit, Erwartungen zu erfüllen, die andere an uns stellen?

Ein Roman, der durch die geschichtlichen Fakten und fantasievollen Bezüge zur Märchenwelt sowie durch die Figur Peter Schlemihls geschickt mit den Genregrenzen spielt. Eine Erzählung, die durch sexuelle Details und Übergriffe schockiert und Marie noch näher rücken lässt. Nur so fühlt man die Festgefahrenheit ihrer Situation, ihre Verzweiflung, ihre Liebe und ihre Aussichtslosigkeit. Die perfekte Geschichte, um eigene Vorurteile zu hinterfragen und die eigene Rolle im Leben zu durchdenken. In „Pfaueninsel“ liest man über Masken und Schubladen, in die sich einige Menschen – zum Glück – nie zwängen lassen.

 

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