Autor: aaltje

deine baustelle

Mein Gedankengewandel: Seelenspachtel gegen Überschichtung

Manchmal ist es so schwer, die eigenen Umrisse und Grenzen bewusst wahrzunehmen. Wo beginne ich und wo sind Teile von mir schon so sehr von anderen überlagert, dass ich darunter nach mir selbst suchen muss? Wo ist mein Eigen und deine Fremde? Wenn ich einen Seelenspachtel hätte, könnte ich mich selbst freilegen? Da sind so viele Einflüsse. Werte, die ich wie Kleiderschichten trage und deren Ursprung ich nicht kenne. Blicke, die mich musternd mit Bedeutung füllen und gegen die ich mich oft nicht wehren kann. Was gegen die Überschichtung hilft sind Gespräche mit Menschen, die mich lange kennen. Bei denen ich das Gefühl habe, dass sie unter meine Oberfläche tauchen. Auch: Gespräche mit mir selbst, stille Augen-Zu-Gedanken, durch die ich nah bei mir bin. Solange das bleibt, gehe ich mit offenen Augen und innerer Stärke vorwärts, trage mich selbst auf der Haut. Lächelnd. Von mir selbst gehen meine Gedanken heute oft zu Park Yeon-mi, die sich bestimmt auch schon oft einen Seelenspachtel gewünscht hat, um sich selbst freizumachen von unbegreiflich viel Leid, das wie Beton …

Die Fremde surrt.

Hier ist die Stille ein Summen aus fremden Stimmen, ob ich wohl einsam wäre könnte ich kein Wort verstehen, ob ich wohl sehnsüchtig auf eine bekannte Phrase wartete, die ich aus der Luft greifen könnte, um sie in die Tasche zu stecken, ein kleines Stückchen Heimat, vielleicht wäre es das, vielleicht würde es mich wärmen, mir ein kurzes Lächeln entlocken an diesem summenden Ort, in dieser Fremde.

Mein Gedankengewandel: Karl Marx im Kino und WhatsGerman

Aufruhr um gesellschaftliche Grenzen: Wie definiere ich meinen Wert als Mensch? Wie verschieben sich Machtverhältnisse durch Geld, Lohn, Arbeit? Wann schaffen es Gedanken und philosophische Konzepte, eine Revolution auszulösen? Diese und mehr Fragen werden in „Der junge Karl Marx“ aufgeworfen – ein Film von Raoul Peck, der als Berlinale Special präsentiert wurde. Ich mochte die Art der Umsetzung, die Wahl der Schauspieler, die Darstellung der Charaktere, den Verlauf und die starken Frauen im Film, auch wenn es schwierig ist, die Vielschichtigkeit der Thesen und Ansätze überhaupt filmisch zu erfassen. Karl Marx kann man auch ruhig mal im Kino „anschauen“ und danach darauf herumdenken, was es für das Hier und Jetzt bedeutet. Noch mehr im Hier und Jetzt: Sprachliche Grenzen. So so viele Geflüchtete stellen sich wahrscheinlich auch gerade in dieser Minute der Herausforderung, Deutsch zu lernen. Hilfe bei der Überwindung dieser sprachlichen Grenze bietet WhatsGerman: Das Programm kann innerhalb von WhatsApp benutzt werden und bietet besonders Geflüchteten Unterstützung dabei, unkompliziert die Grundlagen der deutschen Sprache und Grammatik zu lernen. Weitersagen an alle, denen es weiterhelfen …

Schneller Stillstand.

Leben, pulsierende Tiefe, ein Biss in offene Wunden, das Blut stoppt seinen Fluss nicht, erst wenn es schweigt, am Ende, stillsteht, wie der Zeiger der großen Uhr, rennende Zeit, Massen, Tränen, ein Fortlauf flatternder Augen, die Tränen schmerzen, schreien nass die trockenen Wangen herunter, spröde Gedanken platzen durch tickende Köpfe, in denen ein Zug nach dem nächsten hält. Und durchfährt uns nicht alle das Chaos?

Mein Gedankengewandel: Literaturautomaten und Körpergrenzen

Wörter statt Kaugummis: In Frankreich gibt es an Bahnhöfen bald Automaten, die Kurzgeschichten drucken! Drei Knöpfe für unterschiedlich lange Wartezeiten – eine, drei oder fünf Minuten – können gedrückt werden. Heraus surrt eine Geschichte in passender Kürze. Hinter der Idee steckt das Start-Up „Short Edition“, das durch die Automaten auch für eine faire Bezahlung von Autoren im Allgemeinen kämpft. Wenn irgendwann genügend Literatur-Automaten aufgestellt sind, verdienten die Kurzgeschichten-Autoren besser als jemand, der Romane schreibe, so Christophe Sibieude, einer der Startup-Gründer. In Frankreich muss man vorerst noch nach Grenoble fahren, um eine Geschichte aus dem Automaten zu ziehen (am besten gleich mit dem Zug). In Deutschland gibt es in Berlin ähnliche Lese-Automaten mit Geschichten-Heften (danke Simone!). Wann wohl der erste Literaturautomat in Hamburg am Bahnhof steht? Weg von den Automaten und noch schnell hin zu meinen wöchentlichen „Grenzgedanken“: Körperliche Grenzen übertritt der Künstler Abraham Poincheval. Nachdem er für frühere Kunst-Projekte in einer Flasche und in einem ausgestopften Bären lebte, ließ er sich vor sieben Tagen in einen Felsen einschließen. Im Pariser Palais de Tokyo kann die …

Der Klang der Luftgitarre

Am Anfang der Straße, gleich vor dem großen Buchsbaumkübel und mitten zwischen all den hell erleuchteten Geschäften: Zwei blonde Jungs, ein Gitarrentakt, fünf lächelnde Menschen, die lauschend stehengeblieben sind. Meine Schritte sind kaum noch hörbar auf den Steinen der Fußgängerzone. Es rasselt, kein Entziehen des Taktes. Etwas weiter unten: Ein Mann, die Haare schon grau. Auch hier bebende Saiten, die Musik hüpft zwischen den Wänden der Läden, drei Menschen wippen im Takt. Nur kurz dahinter: Einsamkeit und Freude an exakt dem gleichen Ort. Der Schalk lugt unter seiner schief sitzenden Wollmütze hervor. Die Luftgitarre hat er fest im Griff, auch wenn er leicht taumelt. Vor dem kleinen Mann mit großer Lebensfreude steht ein leerer Pappbecher neben der Straßenlaterne, seiner Bühnenbeleuchtung. Er trägt seine abgenutzte Kleidung auf der dunklen Haut und seine bunte Seele singt. Das Lied, das er die Straße hinaufgrölt, setzt er denen der anderen mit mutig abgehackten Tönen entgegen. Ich verstehe seine Sprache nicht und seine Gitarre aus Luft bleibt stumm. Dafür ist Platz für meine Gedanken, für ein Wir und für ein …

Bilderrätsel federnd Aaltje Anhalt

Mein Gedankengewandel: Vorbildliche Experimentierfreude

Wären wir doch bei allem so bereitwillig, Grenzen mal Grenzen sein zu lassen und Neues auszuprobieren, wie bei der Musik. „Zeal & Ardor“ macht sich diese offene Experimentierfreude zunutze: Der 28-jährige Künstler Manuel Gagneux mischt mit seiner Band ausgerechnet Gospel und Black Metal – und startet mit diesem Musik-Hybrid scheinbar richtig durch. Das Ergebnis der wilden Mischung: Melodische Stücke mit Ohrwurm-Potenzial, die krachen. Reinhören lohnt sich, ehrlich. Ein Hybrid ist auch der rosarote Elefant in Martin Suters neuestem Roman. Ich bin noch nicht weit gekommen, aber schon ab Seite 1 beeindruckt von der außergewöhnlichen Wahl der Erzählperspektive des Obdachlosen Schoch. Wundertoll. Zuletzt: Grenzen der Vorstellungskraft. Was ist auf dem Bild zu sehen?    

Nachtranken

Gedankenvoll rankt die Nacht über ihre spröden Lippen, ein Wispern. Die Dunkelheit wirbelt, Wurzeln nicht hier, der Anker rostet am anderen Ende der Welt. Taubstumm rankt die Nacht aus ihren lauten Ohren, ein Rauschen. Das Licht klettert langsam erahnbar, ein Hier im Dort, an diesem Ende der Welt.

Ewig Himmel.

Ich sehe dich ewig in tausend Bildern, doch keins kann schildern wie meine Seele dich erblickt. Und ein Getümmel verweht dich. Ich weiß nur, dass mir wir ein Traum unnennbar süßer Himmel im Gemüte steht. Von allen der Welt du.

Mein Gedankengewandel: Halbounis „Monument“ – Grenze oder Verbindung?

In der letzten Woche habe ich viel über das Kunstwerk von Manaf Halbouni (32) nachgedacht, das am 7. Februar 2017 in Dresden vor der Frauenkirche aufgebaut wurde. Halbounis „Monument“ besteht aus drei rostigen Bussen. Hochkant aufgestellt ragen ihre rostigen Skelette in den Himmel, direkt vor der Frauenkirche in Dresden. Auch diese war nicht immer so unversehrt wie heute. Das „Monument“ soll dazu anregen, Erinnerungen zu teilen: Ein gemeinsames Gedenken an zerbombte Städte. Wie Dresden am 13. Februar 1945 wurde auch Aleppo in den letzten Jahren zerbombt. Das Denkmal des deutsch-syrischen Künstlers ist durch ein Foto inspiriert, das eine Schutzmauer aus Bussen zeigt, die während der Angriffe auf die syrische Stadt zum Schutz aufgebaut wurde. Als Erinnerungsort sollen die Busse vor der Frauenkirche daran erinnern, wie auch die Menschen in Dresden 1945 hilflos dem Bombenhagel ausgeliefert waren. Ein greifbares Bild, das verbindend wirkt – wenn man es lässt. Stattdessen ist in Dresden Unglaubliches passiert: Etwas Gemeinsames – das gemeinsame Opfergedenken – ist zur Trennung geworden. Statt das „Monument“ als wertvolle Mahnung vor Hass, Spaltung und ein …