Alle Beiträge, die unter Buchwelten gespeichert wurden

Über Bücher und Buchorte

Brief in die Auberginenrepublik

Fluchtperspektive: Brief in die Auberginenrepublik von Abbas Khider

Was in Deutschland alltäglich ist, kann in anderen Ländern ein großes Wagnis sein. Der Beginn dieser Erzählung ist der Versand eines Briefes: „Auf der dunklen Seite der Erde beginnt die Geschichte eines Briefes, die ich euch erzählen will…“ (S. 8). Abbas Khiders „Brief in die Auberginenrepublik“ (2013) begleitet das Schriftstück auf seinem Weg. Der Absender: Salim, ein ehemaliger Student, der im Irak für den Besitz verbotener Bücher verhaftet wurde und deshalb auf der Flucht ist. Er schlägt sich in Libyen als Bauarbeiter durch – weit weg von seiner Familie, von seinen Freunden und von Samia, seiner Liebe. Die Geschichte findet 1999 statt – die Zeit, in der Saddam Hussein im Irak herrscht, Gaddafi in Libyen, Mubarak in Ägypten, Hafiz al-Assad in Syrien und Abdullah II bin Hussein in Jordanien. Durch das nach dem Golfkrieg verhängte Handelsembargo lebt die irakische Bevölkerung im Elend – alles, was es im Überfluss gibt, sind Auberginen und Unruhe. Eine Zeit der Zensur, eine Zeit in der – wie noch heute – in vielen Ländern weder gelesen noch geschrieben werden darf, …

Monster und Mythen: Thomas Hettches „Pfaueninsel“

Ein modernes Märchen an einem historischen Schauplatz. Thomas Hettches „Pfaueninsel“ spielt im 19. Jahrhundert auf dem kleinen Inselchen zwischen Potsdam und Berlin. Die Pfaueninsel ist ein von Menschenhand geschaffenes „Paradies“, an dem die preußischen Herrscher bis zu Friedrich Wilhelm III. und ihre großen Künstler wie Peter Joseph Lenné und Karl Friedrich Schinkel bauten. Alle historisch relevanten Personen sind ebenso Charaktere des Romans. Über die Zeit füllt sich die Insel mit exotischen Pflanzen, wilden Tieren und ausgefeilten Bauten im detailliert angelegten Landschaftsgarten. Mittendrin Marie, das kleinwüchsige Schlossfräulein der Pfaueninsel, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird. Marie sieht alles kommen und gehen: Palmen, die eingeschifft und ins Gewächshaus verfrachtet werden, Kängurus, Affen und einen Löwen – alle dem Tod geweiht, denn sie gehören nicht an diesen Ort. Diese Thematik ist eine der Hauptachsen der Erzählung: Heimat und Fremde, das Gleiche und das Andere. Es sind nicht nur die exotischen Pflanzen und Tiere, die eingehen am Ortswechsel und an der Forderung nach Anpassung. Auch Marie sucht ihren Platz in der Welt. Als „Zwergin“ wird ihr dieser außerhalb …

Herztier

Heimatlos zu Hause: Herta Müllers „Herztier“

„Mit den Wörtern im Mund zertreten wir so viel wie mit den Füßen im Gras.“ Herta Müllers Herztier handelt von dem, was verschwiegen wird. Ein Roman über die Verhüllung und Geheimsprachen, die entstehen, wenn die Überwachung des Staates zur Stille zwingt. Gleichzeitig zeigt Herztier, welche Macht Worte haben können. Die Gruppe von Freunden im Rumänien der achtziger Jahre, um die sich Herta Müllers Erzählung dreht, wagt den Widerstand. Ihre Sprache macht sie stark und ihre geheimen Botschaften in Gedichten, verbotenen Liedern und verschlüsselten Briefen schweißen sie fest zusammen. Trotzdem müssen sie feststellen, dass Liebe und Freundschaft in einem Terrorregime kaum standhalten können, denn „diese lachende Kälte täglich zu halten war schwer“ (S. 87). Herztier geht durch die geschaffene Nähe zu den Charakteren unter die Haut und dokumentiert ein Stück Zeitgeschichte. Aktuelle Fragen zu Verfolgung, Flucht und Heimatlosigkeit werden aufgeworfen und helfen, den eigenen „sicheren“ Platz in der Welt zu hinterfragen. Wer in Herta Müllers Sätze eintaucht, sitzt selbst vor Bildern auf dem Boden, ähnlich wie die Protagonisten am Anfang und Ende von Herztier. Da sind …

Grenzaufbrechungen: „Nox“ von Thomas Hettche

Zu Zeiten, in denen Grenzdebatten hochaktuell sind, bietet dieser Roman eine Projektionsfläche zur Reflexion von Permeabilität und Individualität. Nox ist ein Roman der Grenzaufbrechungen: Die Mauer fällt und mit ihr werden auch die Grenzen zwischen den Geschlechtern, die Grenze zwischen Tag und Nacht, zwischen Realität und Fiktion brüchig. Als die Nacht des Mauerfalls heranbricht, wird der Ich-Erzähler getötet. Während sich sein Körper zersetzt, wird er zum Objekt. Sein Geist öffnet sich der Stadt und wird scheinbar von ihr aufgenommen. So kann er seiner eigenen Mörderin folgen. Durch ihre Tat und die Grenzöffnung in ihrer Identität verunsichert, irrt sie ziellos umher. Sie ist auf der Suche nach ihrem Namen. Um diesen und sich selbst wiederzufinden, liefert sie sich fortlaufend schmerzvollen sexuellen Erfahrungen aus. Die Grenze wird zu einem zermürbenden Gefühl und so auf eine soziale Ebene gehoben. Sie ist mehr als Beton und Stacheldraht. In Nox ist die Stadt ein Körper und die Grenze seine Narbe, die in der Nacht des 9. November aufbricht. In ganz eigenem Ton wird in diesem Roman die Nacht des Mauerfalls …

Bewegte Leben: „Regeln des Tanzes“ von Thomas Stangl

Vielleicht bleibt die Kulisse der Welt samt allen Statisten unverändert, er kann es merken, kann es glauben, es hängt nur von seinem Blick ab. In Regeln des Tanzes folgt der Leser den drei Protagonisten auf ihren Wegen durch Wien, ihren Wegen zu sich selbst, ihren Wegen der Schmerzbewältigung. Da ist Andrea Stanek, die sich selbst über die Teilnahme an Demonstrationen gegen die rechtslastige Regierung definiert. Auch wenn sie glaubt, das Gegenteil ihrer Schwester zu sein, sind die Geschichten der beiden untrennbar. Beide sind nicht angekommen, sondern suchen noch. Mona aber gibt die Suche nach sich selbst schließlich auf. Nach dem Tod ihres Vaters scheint sie sich langsam und unaufhaltlich aufzulösen. Der dritte Handlungsstrang verbindet die Schwestern mit dem Kunsthistoriker Walter Steiner. Mitten in einer existentiellen Krise findet er alte Fotos von Andrea und Mona. Verwoben in das gesamte Geschehen, das durch einen ständigen Wechsel von Erzählweise und -perspektive an Spannung gewinnt, ist der Tanz. Man kann Tanzen lernen, vielleicht kann man also auch lernen, seinen Körper auszutauschen, die Vergangenheit zu löschen. Die bildreiche Sprache fesselt. …

Perfekt unperfekte Menschlichkeit: „The Bricks that Built the Houses“ von Kate Tempest

„We’re lonely. We’re so lonely in this city.“ “The Bricks that Built the Houses” (2016) von Kate Tempest handelt von Einsamkeit. Gleichzeitig geht es darum, so voll zu sein, als müsse man zerspringen. Da sind Becky, Pete, Harry und Leon in South East London, die leben, atmen, fallen, fühlen und hoffen. Eine Generation junger Erwachsener, die sich mit Mitte 20 und Anfang 30 so hart und schnell ins Leben stürzen, dass sie sich an vielen fremden Ecken und eigenen Kanten stoßen. Dabei finden sie heraus, wie wichtig Eltern sind und was es ausmacht, sich ohne diese Bindung zu definieren. Was es überhaupt ist, was einen selbst ausmacht. Was die Steine zusammenhält eben. Ein aufrüttelnder Roman über die persönlichsten Höhen und Tiefen, über Liebe und ihre Grenzen, Freundschaft (wahre Freundschaft, hässlich und strahlend) und jede erdenkliche Art von Beziehungen. Über Menschlichkeit, perfekt unperfekte Menschlichkeit. Vor allem geht es um Lebensvorstellungen, um die richtigen Entscheidungen zu falschen Zeitpunkten, genau wie um die falschen zur richtigen Zeit. Dieser ganze tiefe dreckige Bodensatz des Lebens wird vermengt mit einer …

Ausdruck durch Form: Schreibmaschinen-Gedichte von Tyler Knott Gregson

In „chasers of the light“ von Tyler Knight Gregson findet man getippte Gedichte, die planlos entstanden sind und durch Authentizität überzeugen. Dem zugrunde liegt eine eigene Geschichte, die von Spontanität zeugt: Als Gregson eines Tages eine Schreibmaschine in einem Antik-Laden entdeckt, beginnt seine poetische Phase. Der Fotograf benutzt eine Seite aus einem alten Buch, das er dabei hat und testet die Schreibmaschine – ohne nachzudenken, tippt er ein Gedicht. Was mit der Schreibmaschine getippt wird, bleibt. Die Worte stehen ohne Konzept und ohne die Möglichkeit, sie zu revidieren, auf der Seite. Strahlen durch ihre Unüberlegtheit. Ein Stil, den Gregson seit dieser ersten Seite im Antikladen beibehalten hat. Seine Gedichte sind dabei nicht nur inhaltlich, sondern auch durch ihre Form ausdrucksstark. Seine „Typewriter Series“ bestehen aus Gedichten, die er auf Papierstücke aller Art tippt – auf alte Fotos, Kassenbons, Buchseiten, Tapetenstücke. Diese Fragmente formen seine Worte und geben ihnen einen ehrlichen Rahmen, der Nähe zum Geschriebenen schafft. „I’ve found a lot of ways to express inside things in an outside way.“ (Tyler Knott Gregson) Einige der …

Im Rausch: „Adler und Engel“ von Juli Zeh

Mit „Adler und Engel“ hebt man ab, fliegt gedanklich durch ein Parallel-Universum und blickt in tiefe Abgründe, in denen kriminelle Verschwörungen im ewigen Drogenrausch wirbeln. Juli Zeh beschreibt diesen Rausch so, als würde man live zuschauen: Dabei, wie Frauenkörper zu Drogen-Paketen werden, beim Zuschlagen, bei der Seelen-Verstümmelung, bei der Vergewaltigung einer Schlafenden, beim Lebendig-Sterben. Diese Geschichte öffnet schwindel-erregende Tiefen und hält einen doch so in der Welt, als könne man all das real ertasten. So folgt man dem 30-jährigen Kokain-süchtigen Anwalt Max auf seiner Reise in die eigene Vergangenheit – und wieder zurück. Als seine Freundin und große Liebe sich erschießt, während die beiden telefonieren, zerbricht sein letzter Halt. Er fällt in die Sucht und während er die Trümmer seines Lebens durchwühlt und versucht, alles wieder zusammenzusetzen, erkennt er, wie viele Teile der Wirklichkeit ihm schon vorher gefehlt haben. Er kündigt seinen Job und gibt sich dem hin, was ihm bleibt: dem Kokain. Nur die Studentin und Radio-Moderatorin einer Late-Night-Show mit Sorgentelefon hört ihm zu – und macht ihn zu ihrem „Fall“. Sie zwingt ihn, …

Die letzte Reise zu sich selbst – „Sophia, der Tod und ich“ von Thees Uhlmann

Was macht man, wenn es klingelt und vor der Tür steht der Tod? Denken. In der Wohnung des Ich-Ezählers von „Sophia, der Tod und ich“ findet der Tod eine Fülle dieser Gedanken. „Und was soll jetzt schön sein an meiner Wohnung?“ Er: „Die Fülle der Gedanken. Die dunklen und die hellen.“ Die Gedankenströme des Sterbenden fließen durch die Seiten von Thees Uhlmann’s erstem Roman: Lassen schmunzeln, kichern, die Stirn runzeln, fast weinen und nachdenklich das eigene Leben betrachten. Als der Tod an der Tür des Erzählers klingelt, beginnt die Reise eines merkwürdigen Trios: Er macht sich mit dem „Beender der Dinge“ und seiner Ex-Freundin Sophia auf, um noch einmal seine Mutter und danach seinen kleinen Sohn zu besuchen, den er seit 8 Jahren nicht gesehen hat. Eine Reise zu sich selbst, die zu einem Ziel führt, dass er sich sicher so nie erträumt hat. Was macht das Leben aus? Welche Dinge, Personen, Gefühle, Gerüche und Geschmäcker bedeuten einem am meisten, am Ende? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Was ist hinter der Tür? Ein …

Koffer-Bücher für die Reise…

„One’s destination is never a place, but a new way of seeing things“ (Henry Miller). Ich gehe auf Reisen… zwei Wochen Lesezeit – mit einem großen Lächeln im Gepäck, ohne Handy und ohne Internet. Für die Zeit daher ein paar Buchtipps: Meine sorgfältig ausgesuchte Reiselektüre. „Sophia, der Tod und ich“ von Thees Uhlmann – weil es lustig und berührend gleichzeitig klingt. Die perfekte Mischung für ein Buch, das einen auf Reisen begleitet. Schon im ersten Satz riecht es gut, nach frisch aufgebrühtem Kaffee… Außerdem bin ich gespannt, ob Thees Uhlmann das kann, mit dem Schreiben. Lest nach, wenn ihr auch neugierig seid. Und danke an meine Beste für das tolle Geburtstagsgeschenk. „Ränder“ von Jürgen Becker – weil hier auf sehr besondere Art Bewusstsein durch Sprache ausgedrückt wird. Die perfekte Reiselektüre, weil das Buch dünn, aber gedankenvoll ist… und weil es mit einer „Landkarte“ beginnt. „Goethe schtirbt“ von Thomas Bernhard – weil ich einem guten Freund versprochen habe, mich in diese Sätze hineinzuwagen. Danke! „Hiroshima“ von John Hersey – weil ich es schon begonnen habe, es …