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Kurzgeschichten, Kürzestgeschichten, Geschichten in Gedichtform… von mir.

Der Klang der Luftgitarre

Am Anfang der Straße, gleich vor dem großen Buchsbaumkübel und mitten zwischen all den hell erleuchteten Geschäften: Zwei blonde Jungs, ein Gitarrentakt, fünf lächelnde Menschen, die lauschend stehengeblieben sind. Meine Schritte sind kaum noch hörbar auf den Steinen der Fußgängerzone. Es rasselt, kein Entziehen des Taktes. Etwas weiter unten: Ein Mann, die Haare schon grau. Auch hier bebende Saiten, die Musik hüpft zwischen den Wänden der Läden, drei Menschen wippen im Takt. Nur kurz dahinter: Einsamkeit und Freude an exakt dem gleichen Ort. Der Schalk lugt unter seiner schief sitzenden Wollmütze hervor. Die Luftgitarre hat er fest im Griff, auch wenn er leicht taumelt. Vor dem kleinen Mann mit großer Lebensfreude steht ein leerer Pappbecher neben der Straßenlaterne, seiner Bühnenbeleuchtung. Er trägt seine abgenutzte Kleidung auf der dunklen Haut und seine bunte Seele singt. Das Lied, das er die Straße hinaufgrölt, setzt er denen der anderen mit mutig abgehackten Tönen entgegen. Ich verstehe seine Sprache nicht und seine Gitarre aus Luft bleibt stumm. Dafür ist Platz für meine Gedanken, für ein Wir und für ein …

Explodierende Gedanken

Mit einem lauten Knall zerbarst der Kopf des Kellners in viele kleine Stücke. Das würde man nicht so schnell flicken können, soviel war klar. Aber schließlich konnte jedem mal der Kopf platzen. Warum ihm dieses Missgeschick ausgerechnet passieren musste, während sie ihr Frühstück genoss, war ihr jedoch vollkommen unverständlich. Blonde Locken auf ihrem Feldsalat. Die Hälfte seines linken Ohres hatte sich unvorteilhafter Weise auf ihrem Toast niedergelassen. Der rechte Augapfel, der ihr vor wenigen Minuten noch neckisch zugezwinkert hatte, planschte in ihrem Müsli. Ratlos schaute sie zu ihrem Begleiter auf, der empört auf seiner Lippe kaute und dabei vorsichtig die des Kellners von seinem Rührei schob. Während der Arbeit? Durfte man während der Arbeit seinen Gedanken freien Lauf lassen? Allen auf einmal, bis sie sich anstauten, um schließlich zu explodieren? Ein zweiter völlig gesammelter Kellner kam herbeigeeilt. Es schien, als hätte zumindest er seine Gedanken beisammen. „Verzeihen sie bitte die Zerstreutheit meines Kollegen“, stammelte er, während er ein paar Schuppen von ihrer Schulter klaubte. „Wir werden Ihnen ihr Frühstück selbstverständlich ersetzen.“

Drehmoment

Dann erst. Erst dann begann sie zu verstehen, warum sich das Karussell in die andere Richtung drehte. Langsam und bedächtig, der Welt entgegen. Mit Fingernägel-kauenden Mädchen und Nase-bohrenden Jungs an Bord. Widerstand. Mitten in der Nacht stieg sie ein, ließ sich langsam auf ein seicht wippendes Pferd mit rosaroter Mähne gleiten. Der Wind nahm ihr Haar mit, im Drehmoment. Der Mann mit Bart auf dem Nilpferd neben ihr schaute sie eindringlich an. „Wohin wir uns auch drehen, die Welt bleibt, wie sie ist.“

Weiße Wände

Die Türklinke war kalt, als sie sie herunterdrückte. Zögernd und mit einem Zittern, das ihr die Kniekehlen entlang kroch, trat sie ein. Weiße Wände, hellgelbes Linoleum und sterile Luft. Ein Schlucken. Ihr Blick erreichte den faltigen Mann, der auf dem Metallbett lag und nun zu spüren schien, dass er nicht mehr allein war, denn er schlug die Augen auf und blickte sie an. Er war noch schmaler und zerbrechlicher als beim letzten Besuch. „Hey, Papa… .“ Die Worte kamen kratzig aus der trockenen Kehle. All die Schläuche, die in seinen dünnen Körper führten, verursachten ihr Bauchweh. Endlich trat sie näher. Der tiefe Blick in seine scheinenden blauen Augen, die vom Morphium neblig waren, sagte ihr, dass er sie wiedererkannte. Die junge Frau konnte ihre eigene Reflektion in diesen Augen sehen, die so blau waren wie Kornblumen oder der Himmel im Frühling. Alles lag in diesem Blick, als hätte er eine Linie gemalt, die in sein Innerstes führte bis zu ihrem ersten Atemzug und die sie mit einem einzigen Augenaufschlag an alles erinnerte, was sie je …

Nur eine Minute

Außer Atem komme ich zum Stillstand. Der kleine Hügel bis zum beschrankten Bahnübergang hat mir die Luft geraubt. Mein Fahrrad klappert, als ich absteige. Das rote Licht ist gerade erst angegangen. Es ist schon sommerwarm, obwohl erst April ist. Die Frau neben mir starrt geradeaus, sie sieht blass aus. Warten. Das Kind in ihrem Fahrradsitz schaut mich an. Es beginnt zu schreien, schreit gegen die Stille an und gegen jeden Vogel, der diese mit seinem Piepsen kaum zu trennen vermag. Die Frau rührt sich, als hätte das Schreien sie aufgeweckt. Blonde Haarsträhnen kleben an ihrer verschwitzten Stirn. „Können Sie ihn kurz nehmen? Nur eine Minute.“ Verwirrt blicke ich sie an. Sie hat das schreiende Bündel schon aus dem Sitz gehoben, drückt es fordernd in meine Arme. „Nur eine Minute.“ Ein kurzes Stocken. Sie lässt los. Das Kind verstummt. Der Zug kommt näher. Und mit einem letzten Blick zurück lässt sie ihr Fahrrad zu Boden fallen und während es krachend aufschlägt läuft sie selbst ihrem Aufschlag entgegen und wirft sich auf die Gleise während die Sonnenstrahlen …

Nackte Blicke

Man kann Blicke spüren. Der Beweis dafür ist, dass der Junge im Zimmer gegenüber von meinem Haus innehält und zurückschaut, nachdem ich ihn jetzt seit circa 5 Minuten anstarre. Ich blinzele. Er blinzelt. Ich neige den Kopf. Er neigt den Kopf. Uns trennen meine Wand, die Luft, die zwischen den Häusern über der Straße eingeklemmt ist und seine Wand. Zwei Fensterscheiben, gegenüberliegend und jeweils im zweiten Stock. Sein Blick fühlt sich zögernd an, mein neugieriger irritiert ihn. Trotzdem wendet er sich nicht ab. Ich habe an meinem Schreibtisch gesessen und gearbeitet, als er sein Zimmer betrat. Er fing an, ein Regal aufzubauen, ganz unbeobachtet hat er sich gefühlt. Bis ihn mein Blick im Nacken gekitzelt hat. Bis ich seine Haut mit meinen Augen gestreichelt habe und in meinem Kopf schon fast spüren konnte, wie sich seine dunklen Locken anfühlen. Ich blinzele nochmal. Er blinzelt wieder zurück. Ich streiche mein kurzes Haar hinter das rechte Ohr. Jetzt wendet er sich ab und will gehen, aber mein Blick hält ihn dann doch gefangen. Wehrlos. Ich ziehe mein …